Sichtbar auf dem Fahrrad – Erfahrungen aus Deutschland und Dänemark

Ich fahre viel Rad. In manchen Jahren sind es mehr als 5.000 Kilometer, inzwischen oft in Dänemark und Skandinavien, aber natürlich auch hier in Deutschland. Auf diesen Kilometern erlebt man einiges. Bei mir sind es jedes Jahr ungefähr zehn bis fünfzehn Situationen, in denen ich richtig hart bremsen muss, weil ein Autofahrer mich nicht sieht.

Deshalb ist Sichtbarkeit für mich kein Nebenthema und auch keine Frage des guten Geschmacks. Ich möchte nicht recht haben. Ich möchte ohne Unfall nach Hause kommen.

In Dänemark fällt der Unterschied auf

In Dänemark sieht man massenhaft Menschen in Neonjacken auf dem Fahrrad. Rentner, Pendler, sportliche Fahrer, ganz normale Radfahrer. Auffällige Kleidung wird dort nicht behandelt, als müsse man sich dafür schämen. Sie gehört einfach dazu.

Wenn wir als Familie auf Radtour sind, werden wir gerade in Dänemark häufiger auf unsere Warnwesten angesprochen. Die Leute loben uns ausdrücklich dafür. Sie erkennen, dass wir nicht zufällig bunt angezogen sind, sondern bewusst versuchen, als Familie sicher unterwegs zu sein. Natürlich ist so eine Weste nicht immer schön. Es gibt inzwischen auch elegante und gut sichtbare Kleidung. Aber eine billige Warnweste erfüllt ihren Zweck ebenfalls.

Eine Familie fährt mit Helmen, Warnwesten und Gepäcktaschen auf einem Radweg neben einer Landstraße in Dänemark
Warnwesten fallen auf. Genau das sollen sie.

Im Urlaub erkennt man die Deutschen manchmal erstaunlich zuverlässig. Dunkle Jacke, dunkle Hose, gern ohne Helm. Der vorsichtigere deutsche Radfahrer trägt dann zwar einen Helm, bleibt aber ansonsten ebenfalls dunkel gekleidet. Das mag etwas überspitzt klingen, aber leider nur ein bisschen.

Ich fahre erst, wenn der Fahrer mich wahrgenommen hat

An Einmündungen und Ausfahrten verlasse ich mich nicht darauf, dass ein Autofahrer schon irgendwann in meine Richtung schauen wird. Wenn ich merke, dass er mich noch nicht wahrgenommen hat, fahre ich langsam weiter nach vorn und schaue ihn direkt an. Ich warte auf eine Reaktion. Erst wenn ich sicher bin, dass er mich gesehen hat, fahre ich weiter.

Das mache ich nicht, um jemanden zu erziehen. Ich mache es, weil ich sonst in die Kollision fahren würde. Vorfahrt hilft mir nicht, wenn der andere mich nicht gesehen hat. Meine Lieblingsecke ist da übrigens die Einbiegung vor Hünker Richtung Kolberger Straße. Man kommt aus Gnutz auf der „falschen“ Seite, auf der anderen Seite kein Radweg. Dort haben mich schon mehr als 10 mal erschreckte Autofahrer angeguckt und sich entschuldigt. Von den anderen Rede ich gar nicht erst, die das nicht mal bemerken.

Zehn bis fünfzehn solcher Situationen pro Jahr sind viel. Ohne vorausschauendes Fahren wäre aus einigen davon vermutlich längst ein Unfall geworden. Genau deshalb reicht es nicht, eine Lampe ans Rad zu schrauben und das Thema abzuhaken.

Man kann mit wenig Geld viel erreichen

Im Winter nutze ich kleine blinkende Zusatzlichter. Dazu kommen helle oder reflektierende Kleidung und natürlich die vorgeschriebene Fahrradbeleuchtung. Das muss nicht teuer sein. Eine einfache Warnweste kostet wenig. Reflexbänder für die Beine, Speichenreflektoren und kleine Zusatzlichter ebenfalls.

Gerade die Bewegung an Beinen, Pedalen und Rädern ist gut zu erkennen. Ein Autofahrer sieht dann nicht nur irgendwo einen hellen Punkt. Er erkennt schneller, dass dort ein Mensch Fahrrad fährt. Tagsüber fällt Neonkleidung auf. Im Dunkeln helfen reflektierende Flächen und gutes Licht. In der Dämmerung sollte das Licht bereits eingeschaltet sein und nicht erst dann, wenn man selbst kaum noch etwas sieht.

Zur rechtlichen Einordnung: Die vorgeschriebene Beleuchtung am Fahrrad muss zugelassen und richtig eingestellt sein. Blinkende Scheinwerfer und Rücklichter sind nach § 67 StVZO am Fahrrad nicht erlaubt. Blinkende Zusatzlichter an Kleidung, Rucksack oder Helm ersetzen die Fahrradbeleuchtung nicht. Und egal wie hell eine Lampe ist: Sie darf andere nicht blenden.

Vier Kinder stehen mit Fahrrädern und Helmen an einer Kreuzung, zwei von ihnen tragen gut sichtbare Warnwesten
Kinder schauen sich ab, wie Erwachsene mit Sicherheit umgehen.

Die Ausreden kennen wir schon vom Sicherheitsgurt

Das erinnert mich an die Generation, die den Sicherheitsgurt kategorisch abgelehnt hat. Man brauche ihn nicht. Bei bestimmten Unfällen mache er angeblich alles noch schlimmer. Er sei unbequem, schränke die Bewegung ein und manche behaupteten sogar, sie könnten angeschnallt nicht richtig atmen. Und überhaupt lasse man sich vom Staat nicht entmündigen.

Heute ist Anschnallen selbstverständlich. Nach einer Verkehrsbeobachtung der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen waren 2025 insgesamt 98,5 Prozent der Autofahrer angeschnallt. Laut der Europäischen Beobachtungsstelle für Straßenverkehrssicherheit senkt ein korrekt angelegter Gurt das Risiko tödlicher Verletzungen auf den Vordersitzen um etwa 60 Prozent und auf den Rücksitzen um 44 Prozent. Nicht jeder Rückgang der Verkehrstoten geht allein auf den Gurt zurück. Aber über seinen Nutzen diskutiert heute kaum noch jemand ernsthaft.

Lieber Helmfrisur, als Schädelfraktur!

Beim Fahrrad sind wir noch nicht so weit

Die Zahlen für Deutschland sind deutlich genug. Nach der Detailauswertung des Statistischen Bundesamts wurden 2025 insgesamt 95.794 Fahrradunfälle mit Personenschaden erfasst. Bei 66,5 Prozent war ein weiterer Verkehrsteilnehmer beteiligt. In 44.463 Fällen war es ein Auto.

  • 2025 starben in Deutschland 462 Radfahrende.
  • 248 waren auf einem Fahrrad ohne Hilfsmotor unterwegs.
  • 214 fuhren ein Pedelec.

Das sind die endgültigen Destatis-Zahlen für 2025. Die Aufteilung ist fast gleich: 53,7 Prozent Fahrrad ohne Hilfsmotor und 46,3 Prozent Pedelec.

Auch beim Helm ist der Abstand zum längst selbstverständlichen Sicherheitsgurt groß. 2025 trugen nur 37 Prozent der beobachteten Radfahrenden einen Helm. Bei normalen Fahrrädern waren es 28,9 Prozent, bei Pedelecs 54,9 Prozent. Ein Helm verhindert nicht, dass ein Autofahrer mich übersieht. Er gehört trotzdem zu dem Schutz, den ich selbst beeinflussen kann. Sichtbare Kleidung und gutes Licht sollen den Unfall verhindern. Der Helm soll helfen, wenn das nicht gelungen ist.

Eltern sind verdammt noch mal Vorbilder

Wer allein fährt, kann die eigene Sicherheit für unwichtig halten. Sobald Kinder dabei sind, zieht diese Ausrede nicht mehr. Kinder übernehmen, was Erwachsene ihnen vormachen. Wenn die Eltern Helm, Licht und sichtbare Kleidung lächerlich finden, lernen die Kinder genau das.

Als Eltern seid ihr verdammt noch mal Vorbilder. Kinder übernehmen nicht nur, was wir ihnen sagen, sondern vor allem, was wir ihnen vormachen. Wenn ich meinem Kind Helm, Warnweste und Licht verordne, selbst aber ohne Helm und komplett in Schwarz vorausfahre, lautet die eigentliche Botschaft: Diese Regeln gelten nur für Kinder – Erwachsene brauchen sie nicht. Genau dieses Verhalten werden Kinder später eher übernehmen als jede Ermahnung. Wer gemeinsam fährt, muss deshalb selbst sichtbar sein, einen Helm tragen, funktionierendes Licht benutzen und defensiv fahren. Es geht nicht nur darum, dass die Kinder sicher nach Hause kommen. Sie sollen an uns lernen, wie man sich auf dem Fahrrad schützt – und ihre Eltern nach der Tour ebenfalls wieder mit nach Hause nehmen.

Ein Tipp zum Weiterlesen und Anschauen

Auf das Thema gebracht hat mich ein aktuelles Video von Olaf Schmitz. Sein Kanal Olafs Pedal & Perspektive behandelt viele Fahrradthemen auf eine sympathische und verständliche Art, die man auf YouTube nicht besonders oft findet. Es lohnt sich deshalb auch, seine anderen Videos anzuschauen.

Zum Video gehört ein ausführlicher Beitrag auf seinem Fahrradblog: Sichtbarkeit beim Radfahren: Warum du übersehen wirst und was wirklich hilft. Dort erklärt Olaf unter anderem, warum Autofahrer Radfahrer trotz eines Blicks in die richtige Richtung übersehen können, weshalb bewegte Reflektoren so gut funktionieren und was bei Licht und Kleidung tatsächlich etwas bringt.

Ich werde weiterhin lieber auffällig angezogen Rad fahren. Wer darüber schmunzeln möchte, darf das tun. Hauptsache, er hat mich vorher gesehen.

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